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Rumänische Hochzeit in Glod

"Ma-ma, Ta-ta." Langsam öffne ich die Augen. Durch den teilweise zugezogenen Vorhang strömt grelles Sonnenlicht ins Zimmer. "Ma-ma, Ta-ta." Bruchstückhaft kehrt die Erinnerung an den letzten Abend zurück. Die kleine Holzkirche, die Hochzeit, der Schnaps. Vom Balkon aus sehe ich unter mir im Hof einen alten Mann mit seinem Enkel auf dem Schoß sitzen. "Ma-ma, Ta-ta.", versucht er die ersten Worte des Kindes zu beeinflussen. Ansonsten liegt noch Stille über Glod, so als würde der kleine Ort seinen kollektiven Rausch ausschlafen. Was für ein Dorf! Was für ein Fest! Was für eine Gastfreundschaft!

Vor drei Jahren landeten wir durch Zufall in Glod und durch einen noch größeren Zufall trafen wir Gheorghe, der uns einen ganzen Nachmittag durch sein Dorf führte, die kleine Holzkirche zeigte, vor der ein Metallkreuz steht, das sein Vater gemacht hatte, und uns schließlich zu natürlichen Mineralwasserquellen in die nahegelegenen Hügel geleitete. Dieser Tag in diesem überschaubaren Dorf hinterließ damals einen bleibenden Eindruck bei uns und so stand schnell fest, dass wir hierher zurückkehren wollen. Dieses Mal erreichen wir Glod über eine Schotterpiste mit mehr Zeit im Gepäck. Zielstrebig quartieren wir uns in der Pension "In Poiana", der einzigen im Ort, ein. Wir haben Glück und bekommen das letzte freie Zimmer; am folgenden Abend wird es hier eine Feier geben, verrät uns die Besitzerin und bereitet uns darauf vor, dass es etwas lauter werden könnte.

Ein Spaziergang durch das 300-Seelen-Örtchen mutet streckenweise wie eine Reise in die Vergangenheit an. Der kleine Bach, der durch Glod plätschert, wird immer wieder umgelenkt, so dass er an bestimmten Stellen mit Schwung in einen Holzbottich stürzt und die dort wartende Wäsche kräftig durchspült. Vor zahlreichen kleinen Holzhäusern findet man noch diese "Waschmaschinen", neben denen häufig die Teppiche zum Trocknen über den Zäunen hängen.

Auch in Glod bildet die Holzkirche den Mittelpunkt. Während wir auf den Küster warten, der den Schlüssel hat und uns ins Innere lassen wird, spricht uns Petre an und erzählt uns von der Hochzeit, die morgen im Dorf stattfinden wird. Nun wissen wir auch, welches Fest in der Pension gefeiert wird. Petre fragt uns, ob wir nicht mitfeiern wollen. Wenn wir Lust haben würde er das mit der Brautmutter klären und uns morgen an der Pension abholen.

Solche Zufälle kann man nicht planen und so häufig scheint es einfach Glück zu sein, dass man zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort ist und dort aus den unterschiedlichsten Gründen mit anderen Menschen ins Gespräch kommt. Diesen Begegnungen entstammen häufig die eindrücklichsten Erlebnisse und entscheiden letzten Endes zu einem guten Stück darüber, wie besonders eine Reise wird.

Früh morgens am nächsten Tag brechen wir auf und gehen erneut zu der kleinen Holzkirche. Der Gottesdienst hat bereits begonnen und die Sitzbänke mit den typischen handgemachten Wolldecken sind gut gefüllt. Der Altersdurchschnitt ist recht hoch, nur vereinzelt mischen sich Kinder unter die älteren Dorfbewohner. Von Zeit zu Zeit schlägt ein Herr das vor der Kirche hängende Simandron. Der Küster kommt zu uns nach draußen, nachdem er wieder einmal die Glocken geläutet und für die nächsten Minuten nichts mehr zu tun hat, und beschreibt uns den Weg zum Haus der Braut. Wobei das eigentlich nicht nötig gewesen wäre, denn wir hätten nur den zahlreichen Damen in Trachten folgen müssen, die trotz der teils hohen Absätze trittsicher über den holprigen Weg eilen. Ruth passt mit ihrer erst wenige Tage zuvor erstandenen rumänischen Bluse wunderbar ins Bild.

Ein handgeschriebenes Schild, auf dem "Herzlich willkommen" zu lesen steht und unter dem bereits einige Damen und Herren aus dem Dorf stehen, deutet schließlich darauf hin, dass wir unser Ziel erreicht haben. Im Garten sind reich gedeckte Holztische und Bänke aufgereiht, im Schatten des Hauses haben es sich die Männer bequem gemacht, gleich neben einer kleinen Kapelle, die ohne Unterbrechung traditionelle rumänische Musik spielt. Die Damen bilden ein Grüppchen in der Nähe des Treppenaufgangs und einige Dorfbewohner stehen am Holztor und beobachten das bunte Treiben von hier aus. Es ist wieder ein sehr heißer Tag und die Sonne brennt auf die Feiernden unbarmherzig herunter, und so versucht jeder irgendwo wenigstens ein kleines Stück Schatten zu ergattern. Aus einer angrenzenden Scheune stürmen immer wieder Frauen und Mädchen, voll geladene Tabletts in den Händen balancierend, und sorgen dafür, dass auch jeder Gast stets mit Getränken und Speisen versorgt ist.

Wir stehen zunächst etwas unsicher ein wenig abseits und versuchen Petre unter den Männern zu finden, so dass er uns vielleicht der Brautmutter vorstellen kann. Aber Petre scheint noch nicht hier zu sein. Uns bleibt auch nicht viel Zeit, nach ihm Ausschau zu halten, denn schnell kommt eine ältere Dame zu uns und bittet uns herein. Sie schiebt uns förmlich an einen der Tische und stellt uns Teller mit verschiedensten Kuchensorten vor die Nase. Ein weiterer Teller wird geholt, diesmal mit deftigeren Köstlichkeiten, Krautwickel, Käsestangen, Wurst, Gemüse und Brot. Weder fragt sie wer wir sind, noch woher wir kommen, wir sind Gäste und sie sorgt sich darum, dass es uns an nichts mangelt. Es ist vermutlich zu deutsch gedacht, wenn uns ein Anflug eines schlechten Gewissens plagt, dass wir hier einfach verköstigt werden, ohne offiziell eingeladen zu sein oder sonst in irgendeiner Art zum Brautpaar zu gehören. Es braucht aber nur wenige Bissen des leckeren Essens und ein paar freundliche Blicke und schon ist das schlechte Gewissen verflogen. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt auch nicht, da nun eine weitere Dame in einer bunten Tracht und mit Kopftuch kommt und uns sagt wo wir die Braut finden können. Wir sollen unbedingt ins Haus und ein Foto mit ihr machen. Tatsächlich steht die weibliche Hauptperson des Tages geduldig in einem kleinen Zimmer und lächelt freundlich in jede Kamera, die ihr entgegengestreckt wird.

Kaum zurück an der frischen Luft, erwischt uns einer der Herren, die stets durch die Gästeschar streifen, in der einen Hand eine große Flasche selbstgebrannten Schnaps, in der anderen Hand ein kleines Glas. Bevor man etwas sagen kann bekommt man das gefüllte Glas gereicht, begleitet von einem freundlichen und erwartungsvollen Blick aus zwei glasigen Augen. Unmöglich abzulehnen.

Die Oma der Braut gesellt sich zu uns und redet eine ganze Weile mit Ruth, während ich versuche, der kreisenden Schnapsflasche zu entkommen, damit ich wenigstens eine zeitlang noch Fotos machen kann.

Die Musikgruppe steht nun auf und positioniert sich vor der Eingangstreppe, die Braut wird aus dem Haus geführt und aus dem Dorf hört man lauter werdende Stimmen. Der Bräutigam aus dem Nachbardorf Rozavlea, schon etwas gezeichnet von hochprozentigen Getränken, ist eingetroffen und kommt mit seiner Gefolgschaft seine Braut abholen. Im Garten treffen die beiden Gruppen aufeinander und treten nun den gemeinsamen Weg zur Holzkirche an. Flankiert von zwei Damen führt der Bräutigam den Festzug durch das Dorf an. Hinter ihm der Stegar, der eifrig einen Holzstab in die Höhe streckt, an dem zahlreiche bunte Stoffetzen befestigt sind, ähnlich den Mustern der Kopftücher und Röcke der anwesenden Frauen. Die Braut wird von zwei jungen Männern begleitet, gefolgt von der kleinen Kapelle, die ohne Unterlaß spielt. Männer eilen hin und her und versorgen alle mit Wasser und Schnaps. Auch die Dorfbewohner, die vor ihren Häusern stehen und der vorüberziehenden Menge zuschauen, bekommen einen kräftigen Schluck. Vor der kleinen Dorfkneipe haben sich einige Herren schon gesetzt und beobachten das bunte Treiben.

Erst kurz vor der Holzkirche tritt das Brautpaar die letzten Meter des Weges gemeinsam an. Bereits am Eingang geben sie sich das Jawort und folgen daraufhin dem Pfarrer ins Innere. In der kleinen Kirche haben nicht alle Platz und so teilt sich die Menge hier auf. Einige warten davor, andere gehen schon zur Pension, wo anschließend gefeiert wird, und wieder andere treffen sich in der Dorfkneipe und gönnen sich eine weitere Erfrischung. Unser Plan sah nun eigentlich vor, dass wir uns ebenfalls kurz in der Pension ausruhen bevor es dann weitergeht, aber einer der Musiker spricht uns an, erzählt, dass die Trauung nun mindestens eineinhalb Stunden dauere und wir genug Zeit hätten, mit in die Kneipe zu kommen. Der Rest ist schnell erzählt. Wir unterhalten uns nett und lange mit Mugurel, es stellt sich heraus, dass er der Sohn des Küsters ist und dass Gheorghe, den wir bei unserem ersten Besuch in Glod kennengelernt hatten, sein Onkel ist. Schließlich folgen wir seiner Einladung in sein Haus, zum Empfang reicht uns seine Frau Schnaps. Ich mache den folgenschweren Fehler und trinke aus. Es wird nachgeschenkt wie es sich für gute Gastgeber gehört und irgendwann wanken wir alle zurück zur Pension, an fotografieren ist nicht mehr zu denken. Nur kurz ausruhen, denke ich mir, dann kann es weitergehen. Doch jegliches Gefühl für Zeit ist verloren. Immer wieder wache ich aus dem Schlaf auf, höre die Feiernden ein Stockwerk unter uns und dämmere wieder weg. Die Nacht zieht sich und die Dunkelheit dreht Runde um Runde hinter meinen geschlossenen Augenlidern. In Gedanken sehe ich die Motive, die uns nun entgehen und ohrfeige mich, verfluche den Schnaps und schlafe erneut ein.

Die Stimme des Mannes mit seinem Enkel weckt uns schließlich, der Großteil des Dorfes ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht wieder erwacht. In der Pension bekommen wir Stücke der Hochzeitskuchen zum Frühstück und das Personal ist noch sichtlich gezeichnet von der letzten Nacht. Um sechs Uhr in der Frühe hatte sich die Gesellschaft schließlich aufgelöst.

Wir gehen den Tag ebenfalls ruhig an, erfrischen uns im kleinen Schwimmbad der Pension und ich schwöre mir, auf der Weiterreise kleine Gläser dankend abzulehnen. Dennoch hat uns diese Gastfreundschaft, die uns wie selbstverständlich zuteil wurde, tief berührt und wir können die Zufälle, die wieder einmal zu diesem ereignisreichen Tag und den netten Bekanntschaften geführt haben, kaum fassen.

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